Im Rahmen der Spaziergänge 2021 stellen Vereinsmitglieder das Projekt Servitengasse 1938 und verschiedene Aspekte des jüdischen Lebens am Alsergrund vor.
Wir gehen gemeinsam zu verschiedenen Erinnerungsorten. Dauer jeweils ca. 90 min.

Treffpunkt: Servitengasse 1 (Ecke Berggasse/Porzellangasse)

Termine:

  • Mo 31.05.2021 18:30 Alix Paulus und Barbara Sauer
  • So 27.06.2021 16:00 Barbara Sauer (Projekt Servitengasse 1938) und Ulli Tauss (Synagogen und Bethäuser am Alsergrund)
  • So 04.07.2021 16:00 Alix Paulus und Barbara Sauer
  • So 05.09.2021 16:00 Barbara Sauer (Projekt Servitengasse 1938) und Katharina Kober-Eberhardt (Projekt Berggasse 29)
  • Mi 22.09.2021 16:00 Barbara Kintaert

Teilnahme kostenlos - Eine Veranstaltung des Alsergrunder Kultursommers
Anmeldung unter: info@servitengasse1938.at
Auf Anfrage können weitere Termine vereinbart werden.

Mapping Project von UVic

Professorin Helga Thorson der University of Victoria, BC (Canada) und ihre postgraduaten StudentInnen haben 2019/2020 alle Daten der Servitengasse 1938 Datenbank auf einer interaktiven Website geographisch dargestellt. Alle Schicksale der aus der Servitengasse vertriebenen, deportierten und/oder ermordeten Jüdinnen und Juden können auf diesem Link gefunden werden: https://hcmc.uvic.ca/servitengasse/

Servitengasse 1938. Spurensuche in der Nachbarschaft

Der 9. Bezirk Alsergrund war nach dem 2. Bezirk jener Bezirk mit dem höchsten Anteil jüdischer Bewohner und Bewohnerinnen in Wien. Dennoch gibt es heute relativ wenige Plätze, an denen dieser Menschen erinnert wird. Das Projekt Servitengasse 1938 ist eine vom Bezirk Alsergrund unterstützte Initiative von Bürgerinnen und Bürgern die aktiv Erinnerungsarbeit leisten wollen.

Ziel des Projektes ist es, im Dialog mit den BewohnerInnen eine vielschichtige Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit in Gang zu bringen. Hierfür wurden in einem Forschungsprojekt die Schicksale der vertriebenen und ermordeten jüdischen Bewohnerinnen und Bewohnern einer ganzen Gasse - der Servitengasse - erforscht.

Wie die Recherchen zeigten, waren mehr als die Hälfte der BewohnerInnen zum Zeitpunkt März 1938 jüdischer Herkunft. Doch wer waren diese Menschen? Wo haben sie gearbeitet? Hatten sie Kinder? Ist ihnen die Flucht vor dem NS-Terror geglückt oder wurden sie im KZ ermordet? Gibt es Überlebende oder Nachkommen? Diese Fragen bewegen die Gruppe.

Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und der Kontakt zu Überlebenden stehen ebenso wie der Dialog mit den BewohnerInnen des Grätzls im Vordergrund der Aktivitäten. Eine Buch über die Forschungsergebnisse, ein Film über das Projekt, das Gedenksymbol in der Mitte der Servitengasse und mehrere Veranstaltungen sind Ausdruck dieses Bemühens.
Um andere ähnliche Projekte anzustoßen, kooperiert die Gruppe mit Schulen, steht im Austausch mit anderen Gruppen und vermittelt das Wissen auch an Volkshochschulen. In regelmäßigen Gruppentreffen werden die Schritte koordiniert und aktuelle Themen und Vorhaben diskutiert. Auch die Suche nach Überlebenden aus der Servitengasse wird fortgesetzt.

 

 

Wir trauern um unseren Obmann

Dr. Peter Koppe

Verein Servitengasse 1938

 

 

 

 

Trauerrede, gehalten von Dr. Alix Paulus bei der Verabschiedung am 3. Juli 2020

 

Liebe Barbara, lieber Fabio, lieber Livio, liebe Trauergäste!

Peter Koppe war der Obmann unseres Vereins "Servitengasse1938". Dieses BürgerInnenprojekt besteht seit dem Jahr 2004, also bereits 16 Jahre lang. Es hat sich um die Nachforschung der Schicksale der aus der Servitengasse vertriebenen Jüdinnen und Juden bemüht. Und über die vielen Jahre sind zwei Gedenksymbole im öffentlichen Raum, ein Buch, ein Film, Ausstellungen, Volkshochschul-Kurse, regelmäßige Gedenkfeiern und etliches mehr entstanden. Alles das mit dem Ziel, die damaligen Geschehnisse, die Vertreibung und die Ermordung aller 462 davon betroffenen Personen aus der Servitengasse nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Peter hat dieses Projekt mitinitiiert, es über die gesamte Zeit begleitet und tatkräftig weitergetrieben. Er hat unsere Gruppe geleitet in einer Weise, die mir sehr imponiert hat. Ideen, die mir zu kühn erschienen, hat er mit Hartnäckigkeit verfolgt, bis sie realisiert waren. Bemüht hat er sich auch darum, das Projekt auf eine wissenschaftlich haltbare Basis zu stellen und die dafür notwendige Finanzierung aufzustellen. Peter war immer derjenige, der mit Geduld und Zielstrebigkeit die notwendigen Gespräche mit den Magistratsbeamten geführt hat, bis unser Gedenksymbol genehmigt war und ich kann Ihnen versichern, dass beides, Geduld und Zielstrebigkeit dabei unerlässlich waren. Auch hat er monatelang nach einem Ausstellungslokal in unserer Nähe gesucht und trotz einiger Niederlagen und viel Einsatz von Zeit so lange weiter gesucht bis er eines gefunden hat. Wenn es für eine Teilaufgabe in unserer Gruppe keine Person gab, die sich freiwillig dafür gemeldet hat, dann hat er die Aufgabe übernommen. Nichts war ihm zu mühsam: so hat er jahrelang auch das Reinigen und Instandhalten unseres Gedenksymbols völlig klaglos übernommen und nebenbei Passanten über das Projekt informiert. Er hat genauso Verkehrsschilder besorgt und transportiert, Bänke für Veranstaltungen aufgetrieben und selbst aufgestellt, die Treffen einberufen, die Protokolle verschickt und die Vereinshomepage betreut.

Peter hat es immer verstanden, uns zu motivieren, weiterzumachen, wenn uns manchmal für die Anliegen des Projekts die Luft ausging. Er selbst schien unermüdlich zu sein. Dabei war er immer guter Dinge, ohne dass das gekünstelt gewirkt hätte, im Gegenteil, er war ein sehr aufrechter, integrer Mensch und dazu warmherzig und empathisch. Er war positiv, humorvoll und ausgleichend. Er konnte improvisieren wie kaum ein anderer, immer mit der Richtschnur: das muss doch möglich sein, es muss einen Weg geben. Immer auch mit persönlichem Einsatz, oft bis spät in die Nacht. So wie Barbara Kintaert es auf der Parte ausdrückte: seine Kerze hatte zwei Dochte.

Privat habe ich Peter als hervorragenden Gastgeber kennen gelernt. Er hat gerne gefeiert, in der Wohnung in der Servitengasse und im Garten der Familie in der Nähe der Alten Donau. Bei den Festen kredenzte er gefühlt 50 verschiedene Gerichte, alle selbst hergestellt und mit kleinen Schildchen gekennzeichnet. Die Rezepte waren aus aller Herren Länder und schmeckten vorzüglich. Peter hat auch für das leibliche Wohl seiner Familie gesorgt. Ich sehe ihn vor mir, gekleidet in seiner Djellaba, die er am liebsten privat trug, Gemüse schneidend und in mehreren Kochtöpfen rührend.

Peter war ebenfalls ein engagierter und enthusiastischer Umweltschützer, ein Verteidiger von Minderheitenrechten und demokratischen Gesellschaftsverhältnissen. Auch hierbei war sein Einsatz leidenschaftlich, begeistert, dynamisch sowie unternehmerisch geschickt. Konsequenterweise erledigte er seine Wege mit dem Fahrrad, im Winter genauso wie im Sommer. Für Ferienreisen, meist in das von der Familie sehr geliebte Italien, hatte er sich einen zum Wohnmobil selbst ausgebauten roten Mercedes-Bus angeschafft. Dieses Fahrzeug, das sicher inzwischen zig Jahre auf dem Buckel hat, schien mit ihm irgendwie verbunden zu sein. Dieser Bus hat einen eigenen Charakter, fast etwas wie eine Persönlichkeit.

Lieber Peter, in der Projektgruppe werden wir dich ganz besonders schmerzlich vermissen. Du warst, gemeinsam mit deiner Frau Barbara die Seele unseres Vereins. Wer weiß, ob es ohne dich die regelmäßigen Treffen im Leo gegeben hätte und ob der Verein in den letzten Jahren noch in dieser Weise existiert hätte. Sei versichert, dass wir uns bemühen werden, in deinem Sinn weiter zu machen.

Lieber Peter, mir persönlich hast du gezeigt, wie man Vorhaben, die wichtig sind, einfach anpackt indem man überlegt, wie am besten Ideen realisiert und nicht bei der ersten Schwierigkeit auf unbestimmte Zeit aufgeschoben werden sollten. Das bleibt mir von dir, ich danke dir dafür.

Lieber Peter, Du hast uns einfach viel zu früh und viel zu schnell verlassen.