Forschungsprojekt

Förderung: Jubiläumsfonds der Oesterreichischen Nationalbank
Laufzeit: 2005-2007

Projektleitung: Mag.a Birgit Johler
Projektmitarbeiterinnen: Mag.a Maria Fritsche, Mag.a Katharina Kober, Mag. Barbara Sauer, Mag.a Ulrike Tauss

Die Frage, wer in einer Gasse gewohnt hat, mag verwundern durch ihre vordergründige Einfachheit. Schon ein zweiter Blick auf den Untersuchungsgegenstand - jüdische und nichtjüdische BewohnerInnen zum Zeitpunkt März 1938 - lässt allerdings wichtige Fragen entstehen: Wer lebte hier wie lange? Und unter welchen Umständen? Welche Berührungspunkte gab es nach 1938 zwischen jüdischen und nichtjüdischen NachbarInnen? Was geschah ab diesem Augenblick mit jenen Jüdinnen und Juden, die in der Servitengasse einst ihren Lebensmittelpunkt hatten oder ein Geschäft führten? Welche "alltäglichen" Handlungsweisen mussten sie nun entwickeln, um zu überleben? Welche Praktiken entwickelten nichtjüdische NachbarInnen, die den Jüdinnen und Juden das Leben erschwerten?

Die wissenschaftliche Untersuchung Servitengasse 1938 - Schicksale der Verschwundenen erforschte und analysierte im Rahmen des 2jährigen Forschungsvorhabens die BewohnerInnen einer Gasse und die Geschehnisse nach dem "Anschluss". Ermittelt wurden jene Mieterinnen und Mieter, die dann als Jüdinnen oder Juden verfolgt wurden sowie die nichtjüdische MieterInnen der insgesamt 24 Häuser, die zum Stichtag 12. März 1938 in der Servitengasse im 9. Wiener Gemeindebezirk gewohnt hatten. Ebenso berücksichtigt wurden die jüdischen GeschäftslokalbesitzerInnen sowie HauseigentümerInnen und deren Familien. Ihr Schicksal sowie jenes ihrer Kinder, die zum angegebenen Zeitpunkt noch bei ihren Eltern wohnten, wurde bis zur Deportation oder Emigration und gegebenenfalls Restitution verfolgt. Jüdinnen und Juden, die nach 1938 zwangsweise in Wohnungen in die Servitengasse eingewiesen worden waren oder sich bei Verwandten eingemietet hatten, wurden - soweit eruierbar - ebenfalls in die Forschung miteinbezogen.

Mit elf Überlebenden aus der Servitengasse konnte ferner im Zuge des Projektes Kontakt aufgenommen und mit fünf Personen Leitfaden-Interviews geführt werden. Drei Personen übermittelten schriftlich ihre Erinnerungen an ihre Zeit in der Servitengasse, mit drei Überlebenden wurden Telefoninterviews geführt.

Hinsichtlich nichtjüdischer BewohnerInnen aus der Gasse wurden die historischen Meldedaten zum Zeitpunkt März 1938 ausgehoben.

Für die Erhebung wurden wissenschaftliche Rercherchen in relevanten Wiener Archiven getätigt.

Die Gasse selbst wäre im Grunde austauschbar: Ebenso hätten umliegende Straßen wie die Berggasse oder die Porzellangasse historisch ausgeleuchtet werden können. Was in der Servitengasse wann und wie passierte, geschah zeitgleich an vielen anderen Orten der Stadt. Das Besondere an dieser Gasse und somit an diesem Vorhaben ist die Verknüpfung mit einem BürgerInnenbeteiligungsprojekt: Aus einer privaten Gedenktafelinitiative für ein einzelnes Haus in der Servitengasse entstand ein größeres Projekt, das es sich zur Aufgabe machte, den Schicksalen der einst in allen Häusern der Straße wohnenden Jüdinnen und Juden nachzugehen und zu gedenken.

Noch nach Abschluss des Forschungsprojekts steht das Forschungsteam bzw. die Initiative in Kontakt mit Überlebenden. Erst 2008 wollte es der Zufall, dass die Tochter eines ehemaligen Bewohners der Servitengasse bei ihrem Wien-Besuch das Buch zum Projekt entdeckt hat. Dadurch konnte der heute 82jährige Israel N. aus Herzlia (Israel) Kontakt mit der Gruppe aufnehmen.

Die Ergebnisse des Projekts sind veröffentlicht in

Birgit Johler, Maria Fritsche (Hg.): 1938 Adresse: Servitengasse. Eine Nachbarschaft auf Spurensuche. Wien: Mandelbaum 2007

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