Leseprobe

Servitengasse 8

aus: Maria Fritsche: Auf den Spuren der jüdischen BewohnerInnen der Servitengasse. In: Birgit Johler, Maria Fitsche (Hg.): 1938 Adresse: Servitengasse. Wien 2007.

Durch reinen Zufall stieß die Projektgruppe auf einen Überlebenden, der im Haus Servitengasse 8, das gegenüber dem Servitenkloster liegt, aufgewachsen war. Als Barbara Kintaert einen Tag vor der für 20. September 2005 geplanten Gedenktafelenthüllung vor dem Haus Servitengasse 6 zusammen mit ihrem Gast Paul Lichtman durch die Gasse ging, wurde sie von einem Mann namens Walter Feiden angesprochen. Er erzählte, dass er als Kind im Haus Servitengasse 8 gewohnt hatte. Er war, wie Paul Lichtman, mit dem Jewish Welcome Service nach Wien gekommen, allerdings ohne von der Gedenkveranstaltung etwas zu wissen. Walter Feiden nahm am nächsten Tag an der Enthüllung der Gedenktafel vor dem Haus Servitengasse 6 teil und erzählte einige Tage später Birgit Johler von seinem Leben in der Servitengasse.

Das ehemalige Wohnhaus Walter Feidens ist ein imposantes fünfgeschossiges Gebäude, das 1907 im spätsezessionistischen Stil erbaut wurde und die Hausnummern 8 und 10 umfasst. Durch seine schönen Wandverzierungen und vor allem den markanten Fliesendekor hebt sich das Gebäude stilistisch von den Nachbarhäusern ab. Im Erdgeschoß des Hauses befinden sich teilweise noch die originalen Geschäftsportale der Geschäfte , die 1938 alle von jüdischen PächterInnen, die aber nicht im Hause lebten, betrieben wurden: Gisela Presser führte eine chemische Reinigung, Malke Lea Tauber ein Modewarengeschäft und Jakob Rosenmann, der aller Wahrscheinlichkeit nach ihr Bruder war, ein Wäschewarengeschäft. Im Haus hatte auch die 1904 gegründeten jüdischen Studentenverbindung Jordania ihren Sitz, in der sich jüdische Studenten aus der Bukowina sammelten und die am 30. März 1938 von Obmann Beck und Obmannstellvertreter Anisfeld auf behördliche Anordnung geschlossen wurde.

Nicht nur die PächterInnen der Geschäftslokale, auch die MieterInnen der Wohnungen im Haus Servitengasse 8 waren überwiegend jüdisch: Von den insgesamt 37 BewohnerInnen waren lediglich der 83jähriger tschechische Zuckerbäcker Anton Hraba und die im Parterre wohnende 62jährige Witwe Theresia Dittrich nichtjüdisch.

Mindestens dreizehn MieterInnen des Hauses wurden in Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt und ermordet. Einige andere, denen die Flucht gelungen war, wurden noch in der Emigration von den nationalsozialistischen Verfolgern eingeholt: Die auf Nummer 30 wohnhaft gewesene 48jährige Ottilie Steiner, deren Mann Leopold im Dezember 1937 gestorben war, emigrierte im Jahr 1938 wahrscheinlich in Begleitung ihrer 21jährigen Tochter Edith und ihres 17jährigen Sohnes Kurt nach Belgien. Belgien erwies sich jedoch als nicht sicher: Nach dem Einmarsch der Wehrmacht wurde Ottilie Steiner im französischen Sammellager Drancy inhaftiert und am 18. September 1942 nach Auschwitz deportiert; ihr Sohn Kurt war bereits am 26. Jänner 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet worden; von Edith Steiner, der Tochter von Ottilie, fehlt bis heute jede Spur. Auch ob der 62jährige Vertreter Alfred Kohn, der mit seiner Frau Paula auf Nr. 14 gewohnt hatte, den Krieg überlebte, ist fraglich. Alfred Kohn flüchtete im Mai 1938 aus Wien; sein Weg führte ihn in sein Geburtsland Tschechoslowakei, das im März 1939 von der Deutschen Wehrmacht überfallen und besetzt wurde, wodurch das Ehepaar Kohn abermals in Lebensgefahr geriet.

Wie im gesamten großdeutschen Reichsgebiet, waren auch in der Servitengasse ältere Jüdinnen und Juden die häufigsten Opfer nationalsozialistischer Vernichtungspolitik. Krankheit oder Behinderung, Verantwortung für ein pflegebedürftiges Familienmitglied oder die Schwierigkeit als alter Mensch noch ein Visum zu erhalten, vereitelten oft eine Flucht. So wie etwa im Falle des im Jahr 1882 in Mähren geborenen jüdischen Rechtsanwalts Berthold Spiegler, der eine Rechtsanwaltskanzlei im 1. Bezirk besaß und zusammen mit seiner älteren Schwester Kamilla Huber und mit seiner über 80jährigen Mutter Sophie in der Wohnung Nr. 21 lebte. Kamilla Huber ging am 9. April 1942 auf Transport ins Ghetto Izbica, wo sie vermutlich den berüchtigten Massenerschießungen zum Opfer fiel. Steiners Mutter, offensichtlich pflegebedürftig, starb am 15. April 1942, und bereits einen Tag später musste Dr. Spiegler seine Wohnung verlassen und Quartier im 2. Bezirk beziehen. Er wurde im September 1942 nach Minsk deportiert und dort ermordet.

Dem 27jährigen Angestellten Siegfried Blau hingegen, der wenige Wohnungen weiter auf Nr. 26 wohnte, gelang zusammen mit seiner Frau Klara und seiner siebenjährigen Tochter Lucie im Mai 1939 die Flucht in die USA. Auch das auf Nr. 16 wohnende Ehepaar Bernhard und Sofie Brunner konnte der nationalsozialistischen Verfolgung im November 1939 durch die Flucht nach Palästina entkommen. Bernhard Brunner war Gesellschafter einer Buchdruckerei im 1. Bezirk gewesen, die 1939 zwangsweise liquidiert wurde. "Arisiert" wurde das Geschäft seines Nachbarn Markus Salter, der auf Nr. 17 wohnte. Der 1880 in Galizien geborene Schneider Markus Salter besaß ein Herrenkleidergeschäft am Salzgries im 1. Bezirk. Er konnte im September 1939 zusammen mit seiner Frau Sofie und seinem 25jährigen Sohn Robert über Belgien nach Australien auswandern. In der ehemaligen Wohnung der Familie Salter wohnt heute Brigitte Döring, die am 30. März 2005 zur Servitengassen-Inititative gestoßen ist. Brigitte Döring war 2001 in die Wohnung eingezogen, ohne etwas über die Geschichte des Hauses oder seiner BewohnerInnen zu wissen. Sie hatte sich bereits an mehreren AGENDA 21 Projekten im 9. Bezirk beteiligt und erfuhr dadurch "von den Recherchen über die Schicksale der jüdischen Bewohner des Jahres 1938 im Haus Servitengasse 6. Da ich selbst in der Servitengasse wohne, habe ich es sehr begrüßt, dass diese Initiative im Rahmen von AGENDA 21 auf die gesamte Servitengasse ausgedehnt wurde" , berichtet Brigitte Döring. Wie fühlt sie sich in ihrer Wohnung, nachdem sie vom Schicksal der ehemaligen jüdischen BewohnerInnen erfahren hat? "Über eine generelle Nachdenklichkeit/Betroffenheit/Scham bezüglich der Ereignisse zwischen 1933 und 1945 hinaus hat dieses Wissen die Beziehung zu meiner Wohnung nicht verändert. Hätte ich die Wohnung damals unwissentlich direkt von Juden 'übernommen' oder wäre Nachfahre von direkten Nutznießern, wäre meine Reaktion wahrscheinlich anders gewesen." Ein wichtiges Anliegen für Brigitte Döring ist, dass das Projekt nicht "zu einem weiteren abstrakten Erinnerungsritual" wird und dass über das Gedenken an die jüdischen Opfer hinaus auch an "die Rolle der Täter und Nutznießer inmitten der Gesellschaft" erinnert wird.

Von den deportierten jüdischen BewohnerInnen der Servitengasse Nr. 8 überlebte nur einer das Grauen der Konzentrationslager: Es ist dies der heute in New York lebende Walter Feiden, den Birgit Johler im Hotel Stefanie zu einem Gespräch traf. Walter Feiden spricht ein weiches, wienerisch gefärbtes Hochdeutsch mit englischen Einsprengseln. Sein Charme wirkt angesichts seiner schrecklichen Erlebnisse in seiner Jugendzeit überraschend. Walter lebte mit seinen Eltern Moses und Emilie Feiden in einer Wohnung in der Servitengasse Nr. 8. Seine aus Mähren stammende Mutter Emilie war Hausfrau und sein in Polen geborener Vater Moses war seit 1928 Miteigentümer und Betreiber des Kinos "Mariahilf" in der Gumpendorfer Straße im 6. Bezirk. "Ich war nicht religiös, mein Vater war vielleicht ein bisschen religiös, but you know [...] Wir waren was man nennt assimilated. Mein Vater (hat sich, Anm. Verf.) eigentlich gefühlt als ein Österreicher, nicht als ein Jude." In seiner Kindheit besuchte Walter jeden Sonntag mit seiner Mutter das väterliche Kino, wo sein Vater mit Vorliebe US-amerikanische Filme vorführte. An die Annexion im März 1938 kann sich Walter noch genau erinnern, besonders an die vielen Hakenkreuzfahnen: Der 1928 geborene Walter hatte gerade das Gymnasium begonnen, als die Deutschen einmarschierten. Zusammen mit einigen anderen jüdischen Kindern besuchte er dann drei Jahre lang eine Schule in der Castellezgasse 35 im 2. Bezirk, wo er von jüdischen Universitätsprofessoren unterrichtet wurde, die nicht mehr an der Universität lehren durften.

Walters Vater, Moses Feiden, hatte seine Kinokonzession bereits vor dem "Anschluss" verloren - sein Ansuchen auf Verlängerung war im Oktober 1937 abgewiesen worden und die Kinokonzession ging im Februar 1938 an die "Kiba-Kinobetriebsanstalt GmbH" über. Das Kino wurde 1938 "arisiert", und im Jahr 1940 "mussten wir von der Wohnung ausziehen und mein Vater musste eine andere Wohnung finden, die wollten das Haus judenrein machen." Moses Feiden fand eine Wohnung auf der Landstraßer Hauptstraße im 3. Bezirk, wo sie im Juni 1940 einzogen. Sein Vater bemühte sich verzweifelt um ein Ausreisevisum: "Mein Vater versuchte, nach Amerika (zu kommen, Anm. Verf.) und ist zur Kultusgemeinde gegangen, hat die New York Telefonbücher geschaut für Leute, denen er Briefe geschrieben hat, gebeten hat, dass sie uns - ist genannt worden ein Affidavit - schicken, damit wir nach Amerika gehen können. Und ein sehr reicher Mann hat uns eins geschickt, er war damals ein Millionär. [...] Und mein Vater ist schnell zum Konsulat gelaufen, zum amerikanischen Konsulat, aber leider hat der Konsulatmann ihn gefragt, wo sind Sie geboren? Da hat er gesagt, in Österreich. Und das war true, das war keine Lüge. Und er hat gesagt, wann er genau geboren ist und er hat gesagt, in Lemberg, hat (der Konsulatsbedienstete, Anm. Verf.) gesagt, sie sind ein Pole. [...] So, die polische (sic) Quote war natürlich sehr klein und sehr viele Leute wollten wegfahren. [...] Aber nach der Kristallnacht [...] bekam es mehr und mehr schwierig wegzufahren. Denn auf einmal wollten alle raus, zur selben Zeit. Und dann hat er versucht nach Shanghai zu fahren und wir sollten auf einem Schiff von Triest fahren, ein italienisches Schiff. Na dann, am 1. September 1939 brach der Krieg aus." Durch den Kriegsausbruch waren sowohl der von den Briten verwaltete Suezkanal als auch die Straße von Gibraltar für deutsche und italienische Schiffe gesperrt. Die Lebensumstände der Juden und Jüdinnen im "Dritten Reich" verschlechterten sich von Tag zu Tag: "Und dann kam eine Zeit, wo die jiddischen Leute den gelben Stern tragen mussten und ich hab ihn selten getragen. Ich hab blaue Augen und sehr..., ein blondes Haar, und ich sah aus wie ein Hitlerjugend, ein Hitlerjunge. Ich konnte bis zur Schule gehen, ohne (dass) jemand bemerkte, dass ich zu die Jüdischen (gehörte, Anm. Verf.)." Moses Feiden gelang es noch für die Familie ein Visum nach San Domingo besorgen, dass sich jedoch als wertlos erweisen sollte, weil er keine Ausreisepapiere erhielt. Angesichts der immer bedrohlicher werdenden Umstände war es Moses Feiden wichtig, dass sein Sohn Walter noch die Bar-Mitzwa feierte. Die Feier zu Walters dreizehntem Geburtstag fand im Tempel in der Seitenstettengasse statt, im einzigen noch nicht zerstörten Tempel von Wien: "Am 13. April 1941 wurde ich Bar Mitzwateur, in dem Tempel!", betont Walter stolz. Er erinnert sich nicht nur an seine Bar Mitzwa, sondern auch noch sehr genau an den 12. Oktober 1941, als drei Gestapomänner in Ledermänteln die Familie in ihrer Wohnung im 3. Bezirk abholten und in Walters Schule in der Castellezgasse brachten. Während Moses Feiden als Pfand zurückbehalten wurde, durften Mutter und Sohn am nächsten Tag noch einige Kleidungsstücke aus ihrer Wohnung holen. Am 15. Oktober 1941 wurden sie vom Aspanger Bahnhof in einem Zug in das Ghetto von Lodz transportiert: "Mein Vater hat den SS-Männern, den Gestapoleuten gesagt, dass er hat ein Affidavit und er wollte, hoffte, nach Amerika zu gehen. Aber die haben gesagt: 'Sorgen Sie sich nicht, sie können von Lodz nach Amerika fahren.' Natürlich war es nicht true, war es eine Lüge und wir wurden in das Ghetto getrieben." Die Insassen des Ghettos, auch die Kinder, mussten Zwangsarbeit in kleinen Fabriken leisten, die u.a. Rucksäcke und Uniformen für die Wehrmacht herstellten. Der damals dreizehnjährige Walter Feiden erinnert sich an den beständigen Hunger, denn es gab kaum etwas zu essen; er sammelte Löwenzahn, der zu Spinat gekocht wurde, um die miserablen Rationen aufzubessern. Sein Vater litt besonders: er konnte aufgrund von Hungerödemen bald nicht mehr laufen und arbeiten und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide: "Mein Vater ist nach ungefähr fünf oder sechs Monaten verhungert", erzählt Walter: "Und zwei Monate später kamen die SS ins Ghetto [...]. Sie kamen zu jedem Haus, alle Leute mussten runter gehen und dann haben die SS-Männer... Einer nach dem anderen musste man an den SS-Mann und der hat entweder gesagt: 'Rausgehen, in die Straße, oder zurück ins Haus gehen.' Und leider haben sie meine Mutter dann damals weggenommen, weil sie zwei, drei graue Haare gehabt hat, und wenn sie es g'wusst hätt, hätt sie sie abschneiden können, aber sie wusste es natürlich nicht. Und ich bin vorbei, ja. Und mich hat er ins Haus geschickt, dort zu bleiben. Und da war ich ein Waise und ich war 14 Jahr alt." Seine Mutter wurde in das nordwestlich von Lodz befindliche Konzentrationslager Chelmno gebracht und dort ermordet. Walter Feiden, der nun vollkommen auf sich allein gestellt war, arbeitete weiterhin in verschiedenen Fabriken bis das Ghetto 1944 liquidiert wurde. Die GhettobewohnerInnen wurden in Viehwaggons in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau transportiert, wo gleich an der Rampe die berüchtigte erste Selektion stattfand. Frauen und Kinder wurden direkt in die Gaskammern getrieben, während die Männer in den Badehäusern ein zweites Mal einer Selektion unterzogen wurden. Walter überlebte beide Selektionen und meldete sich später freiwillig zu einem landwirtschaftlichen Arbeitskommando um den Gaskammern zu entkommen. Zusammen mit 200 anderen Häftlingen arbeitete er auf einem polnischen Gutshof, wo er zuerst zur Kartoffelernte eingeteilt, dann der Fischzucht zugewiesen wurde. Die schwere Arbeit begann um fünf Uhr in der Früh und dauerte bis zehn Uhr abends, doch als Schwerarbeiter erhielt er zwei Rationen Wassersuppe und Brot am Tag. In den beiden Baracken, in denen die Häftlinge untergebracht waren, gab es auch nach dem langen Arbeitstag keine Ruhe. Die beiden deutschen Kapos, die den Baracken vorstanden, waren dafür berüchtigt, junge Burschen sexuell zu missbrauchen. Eines Nachts näherte sich der Kapo auch Walter, der sich jedoch mit der Androhung, ihn zusammen mit seinen Freunden umzubringen, erfolgreich wehren konnte. Am 22. Jänner 1945 wurde Auschwitz evakuiert und die Häftlinge von SS-Leuten auf einen Todesmarsch nach Westen getrieben, den Walter Feiden in seinem Lebenszeugnis folgendermaßen beschrieb: "Wir marschierten ohne Unterbrechung bis ein Uhr in der Nacht. Dann übernachteten wir in einem Stall der schon voll Häftlinge war. Wir saßen in dem schmutzigen Stroh und döhsten vor sich hin (sic). Um 7h früh ging es weiter. Gleich nach dem Aufbruch sahen wir die ersten Leichen derjenigen, die nicht mehr mitkonnten im Straßengraben liegen. Dieser Tag war der bisher grauenvollste meines Lebens. Auf der Strecke von 40 km, die wir bis 10h nacht zurücklegten war alle paar Schritte eine Leiche. Oft sahen wir wie in der Kolonne, die vor uns marschierte ein Schwacher zurückblieb und hinter die Kolonne kam, sahen wie der SS-Mann das Gewehr ansetzte, abschoß, und wie das Blut dem Erschossenen aus dem Kopfe spritzte."

Nach drei Tagen wurden die noch lebenden Häftlinge in einen Zug verfrachtet: "Und da haben sie uns in die offenen Wagone getan, das war noch ärger, denn die offenen - es war Winter und die offenen Wagone waren natürlich, es war Schnee, but man konnte nicht sich warm halten." Walter kam mit eitrigen Erfrierungen an den Füßen im Konzentrationslager Buchenwald an. Im April 1945 erlebte er den Befreiungsaufstand der kommunistischen Häftlinge gegen die Lagerwachmannschaften, die 50 SS-Leute gefangen nahmen und diese den US-amerikanischen Truppen übergaben, die zwei Tage später in das Konzentrationslager Buchenwald kamen. "Das war das Ende des Krieges und im Januar bin ich hergekommen und im April war ich schon frei. Und zwei Tag später, am 13. April, war mein Geburtstag, da war ich 17 Jahr alt. So, that means, da war I drin von dreizehneinhalb bis siebzehn...", fasst Walter Feiden die Erlebnisse zusammen. Mit zwei alten Autobussen, die den aus Österreich stammenden ehemaligen Häftlingen von den US-amerikanischen Truppen überlassen worden waren, fuhren die Überlebenden nach Kriegsende in die amerikanische Besatzungszone nach Salzburg. Dort erhielt Walter eine alliierte Reiseerlaubnis mit der er nach Wien fuhr. Seine stockenden Worte verdeutlichen das Ausmaß der Enttäuschung und des Alleinseins: "Ich wollte nach Wien zurückgehen, um zu sehen, you know, just to, zu sehen, ob... Niemand war da, natürlich, aber bloß um zu sehen."

Gleich nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager Buchenwald hatte Walter sich Papier besorgt und seine Erlebnisse von der Deportation aus Wien bis zur Auflösung des Lagers Buchenwald niedergeschrieben: Die mit Bleistift in krakeliger Schülerschrift voll geschriebenen Seiten, sorgfältig durch Einfügungen ergänzt oder mit Streichungen korrigiert, sind ein berührendes Dokument einer unglaublichen Überlebensgeschichte. Am 5. September 1945 meldete sich Walter bei der Israelischen Kultusgemeinde in Wien als Überlebender zurück. In Österreich fand Walter nichts, was ihm eine Heimat geben hätte können. Seine Angehörigen und seine Freunde waren entweder tot, verschollen oder emigriert. Er besaß nichts und das Kino, das sein Vater Moses Feiden im 6. Bezirk besessen hatte, wurde nie restituiert. Walter emigrierte 1946 nach New York, wo er als Bürokaufmann arbeitete und wo er noch heute lebt. 1999 wurde seine Lebensgeschichte von der "Spielberg Foundation" aufgezeichnet. Nach seinem Wienbesuch im Jahr 2005, bei dem er auch Mitglieder der Servitengassen-Inititative kennen lernte, besuchte er Wien erneut im November 2006, um im Rahmen der vom Wiener Volkstheater organisierten Gedenkveranstaltung "Kristallnacht - Zeitzeugen berichten" von seinen Erfahrungen zu erzählen.
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